Fruchtbares Archipel: Die Azoren

Kaffee oder Tee? Auf der Azoreninsel Sao Miguel wächst beides

Ricardo Cidade holt ein kleines Tütchen aus der alten Anrichte in der Küche seines Hauses in Arrifes und hält es in die Höhe: „166 Gramm. Mehr haben wir nicht“. Mit beiden Händen umschließt der 42-Jährige das Päckchen und trägt es ehrfurchtsvoll zum Kochfeld – wie eine Opfergabe zum Altar. Langsam öffnet er den Zippverschluss, schließt die Augen und neigt den Kopf tief über das Säckchen: „Cafe Arabica. Bioqualität. Handgepflückt“. Ricardo füllt ein paar Teelöffel des braunen Pulvers in die Cafetera, stellt sie auf die heiße Herdplatte – und nach wenigen Minuten erfüllt ein aromatischer Kaffeeduft den kleinen Raum. Die Teilnehmer des Kaffeeworkshops, den Ricardo und Celia auf ihrer Quinta auf der Azoreninsel São Miguel veranstalten, strecken erwartungsvoll ihre Tasse entgegen. Behutsam füllt der Kaffeebauer die kleinen Schälchen.

Die Freude über das eigene Produkt ist dem ehemaligen Sales Manager eines dänischen Pharmazeuten ins Gesicht geschrieben. Rund 100 Kaffeesträucher wachsen auf seiner 100 Hektar großen Plantage - die eher einem verwilderten Garten ähnelt – kreuz und quer zwischen Avocado und Papaya, Kastanien und Bananen. „Das Grundstück gehörte meinen Vater, der auch die ersten Kaffeepflanzen aus Brasilien aussetze“, erzählt seine Frau Celia. Neben den Kanaren seien die Azoren das einige Kaffeeanbaugebiet in Europa, so die 42-Jährige. Wobei von einer Produktion im großen Stil noch nicht die Rede sein kann: „Es ist eher ein Hobby“. Vergangenes Jahr verkauften die beiden ganze 100 Kilo – an eine Rösterei in Juneau, Alaska. Den Besitzer, ein Auswanderer aus Ponta Delgada, hatte Celina auf einem Weihnachtsbasar in der Inselhauptstadt zufällig kennengelernt. Nächstes Jahr wollen er und seine Familie bei der Ernte helfen und in vier Jahren, hofft Ricardo, die Produktion auf 1000 Kilo heben zu können.

São Miguel. Die größte Azoreninsel. Ein 746 Quadratkilometer großer Klumpen Vulkanerde. Mitten im Atlantik. 1110 Kilometer vom portugiesischen und 3200 vom amerikanischen Festland entfernt. Wärmender Golfstrom. Fruchtbare Lavaböden. Berge, an denen die Wolken abregnen. Steter Wind, der Feuchtigkeit und Nässe wieder vertreibt und die Pflanzen so vor Pilzkrankheiten schützt. All das bescherte der grünen Insel eine einzigartig üppige Vegetation, in der nicht nur Kaffee, sondern auch andere exotische Pflanzen prächtig gedeihen: Baumhohe Farne in unzähligen Grünschattierungen. Kürbisgroße Hortensienblüten – mal blau, mal violett oder schneeweiß. An den Felsen wuchernde Moose, aus denen bei Sonnenschein dichte Nebelschwaden dampfen. „Eine Wanderung auf São Miguel ist wie eine Zeitreise ins Miozän - als Dinosaurier die Erde bevölkerten und alles größer und grüner war“, beschreibt Thiago Bothelo seine Heimat. Fumarole, Erdlöcher aus denen heißer Schwefeldampf zischt, Caldeiras, Quellen in denen Wasser kochend blubbert. Sie verstärken den Eindruck man sei „in einem anderen Erdzeitalter“.

Der gebürtige Azorianer arbeitet seit seinem elften Lebensjahr im Tourismus, kennt die Insel wie kein zweiter und organisiert Outdoor-Touren zu den schönsten Sehenswürdigkeiten: Auf dem Mountain-Bike zu den Siete Ciudades im Westen. Zwei Vulkankrater mit bis zu 800 Meter hohen Wänden. Wassergefüllt und mit dichtem Grün behangen. Mit dem Garajaudos, einem zwölf Meter langen Boot, in das Revier der Pottwale, Orcas und Delfine. „Die Chance einer der Meeresgiganten zu Gesicht zu bekommen liegen auf den Azoren bei nahezu 100 Prozent“, weiß Thiago. Rund 24 verschiedene Arten – ein Drittel der weltweit bekannten Spezies - tummeln sich das Jahr über in den tiefen, nährstoffreichen Gewässern des Archipels. Auch auf Wanderungen nimmt der 30-Jährige seine Gäste mit. Mal geht es an der Küste entlang auf der Suche nach Höhlen, versteckten Buchten und schroffen Klippen - Tauch- und Schnorchelgänge inklusive. Dann durch einen dichten Urwald aus wildem Ingwer, japanischer Zeder, Ketten- und Königsfarn zu natürlichen Thermalbecken, die von den heißen Quellen aus dem Inneren der Erde auf 28-39 Grad aufgeheizt werden. „Badezeug nicht vergessen“. Umkleidekabinen und sanitäre Anlagen stehen bereit.

Oder man besucht eine der vielen Ananasplantagen. Auch die gibt es in ganz Europa nur auf den Azoren. Angebaut wird in kleinen, weißgetünchten Gewächshäusern – vor allem rund um Faja de Baixo nördlich der Hauptstadt Ponta Delgada. „Die Region ist ein einziges Gewächshaus“, schmunzelt Jose Neves, rund 1000 Glashäuser stehen in dem vier Quadratkilometer großen Bezirk dicht an dicht. Neves ist einer von vier Mitarbeitern der Finca Santo Antonio. Familienbetrieb, gegründet 1911, und seit einigen Jahren biozertifiziert. „Die Ananas kam um 1800 als Zierpflanze auf die Insel und wuchs zunächst in den Gartenanlagen und Parks der Orangenbarone“, erzählt der 40-Jährige den Besuchern der Plantage. Erst als die Zitrusfrucht einem Schädling zum Opfer fiel, entdeckte man das Bromeliengewächs als lukrativen Ersatz. Doch der Anbau ist nicht einfach: 18 Monate dauert es bis aus jeweils einem Steckling eine Frucht geworden ist. Dazu brauche es konstante Temperaturen um die 40 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit. „Ein bisschen wie in einem türkischen Bad“, so der Experte. Besonders heikel: Das Räuchern. Neun Monate nachdem er die Stecklinge gesetzt und sich eine Pflanze mit Blüte gebildet hat, lässt Neves kontrolliert Bananenblätter im Gewächshaus verbrennen. „Allein der Rauch sorgt dafür, dass sich aus der Blüte eine Frucht bildet“.

Großer Aufwand und geringer Ertrag erklären den hohen Preis. „Mit den Früchten aus Südamerika, China und Afrika können wir da nicht mithalten“. Auch deshalb finde man die Ananas dos Acores kaum auf dem europäischen Markt. „Und überhaupt essen wir Azorianer die Königin der Insel lieber selber“, so Neves. Auf den Märkten von Ponta Delgada oder Lagoa weht ein fruchtig süßer Duft durch die Hallen und die Tische biegen sich unter den sorgsam gestapelten, goldgelb leuchtenden Früchten. In den exklusiveren Restaurants der Insel kommt es vor, dass einem zum Nachtisch eine schlichte Scheibe Ananas auf weißem Porzellan serviert wird. Reif geerntet, habe sie mit den grünen faden Früchten, die es in Lissabon, Madrid oder Berlin zu kaufen gebe, nichts gemein. Und die Inselspezialität Morcilla com Ananas, eine scharf angebratene Blutwurst mit fruchtigen Ananas-Stückchen ist eine der beliebtesten Vorspeisen der Einwohner.

Mindestens genauso beliebt auf São Miguel ist der Tee. Und der kommt nicht vom Himalaya oder aus dem fernen Fujian, sondern aus Ribeira Grande im Nordosten der Insel. Die abgeschiedene Region wird von den Einheimischen die zehnte Insel genannt, weil die Verkehrswege so schlecht waren, dass man noch zu Beginn des 20. Jahrhundert schneller mit dem Boot von Ort zu Ort kam, als auf den engen Eselspfaden. Und erst vor zehn Jahren fand der Landesteil Anschluss an das Schnellstraßennetz. Auch die Plantações de Chá Gorreana erreicht man über die EN-1. Seit 1883 wird hier Tee angebaut, ein Familienbetrieb in fünfter Generation. Die Fahrt von der Quinta Santo Antonio zur Quinta Gorreana führt auf der kurvenreichen Küstenstraße - vorbei an hügelige Weideflächen, Tee-Terrassen und kleinen Farnwäldern. Hinter jeder Kehre taucht, wie überall auf der Insel, ein Grillplatz auf. „Kein Dorf, keine Landstraße ohne diese Plätze“, weiß Trin Medeiros. Grillen sei Nationalsport hier. Manche der Stationen hätten Wasseranschluss und ein Spülbecken, andere seien überdacht oder bestünden nur aus steinernem Tisch und Hockern. Gepflegt würden die Plätze von der Gemeinde, die oft auch das Brennmaterial zur Verfügung stellt. „Wir brauchen dann nur Grillgut, Freunde und gute Laune mitzubringen“, lacht die geborene Estin, die vor 14 Jahren auf die Azoren kam, sich verliebte und blieb. Vor allem an Wochenende würden die Inselbewohner davon reichlich Gebrauch machen. Trin will ihren Teevorrat auffüllen und ist verabredet mit Madalena Mota, seit 2008 Chefin auf Chá Correana.

In der kleinen Fabrikhalle rüttelt und rumpelt es. An der Decke quietschen Riemen und Räder bedenklich, als der Transmissionsantrieb die schwere Maschine aus Eisen und Messing in Bewegung setzt. Das Relikt aus dem Jahre 1926 rollt die auf dem Dachboden vorgetrockneten Blätter und bricht sie auf. Der Duft von frischem Gras liegt in der Luft. „Durch das Zerdrücken des Gewebes kommen die Zellen mit Sauerstoff in Berührung“, erklärt Madalena. Die Blätter fermentieren, es entsteht Schwarzer Tee. „Den Grünen bedampfen wir mit heißem Wasser, um genau das zu verhindern“, doziert die 40-Jährige. „So behält er seine Farbe und die gesundheitsfördernden Bitterstoffe“. Auch der Heißluftofen in dem Grüner wie Schwarzer Tee anschließend getrocknet werden ist ein museales Stück. Ebenso die Rüttelmaschinen, die die Blätter grob sortieren. „Manch Besucher interessiert sich mehr für die Apparate, als für den Tee“, der älteste – eine Trockentrommel für Grüntee – stamme immerhin aus dem Jahre 1840. „Funktioniert aber noch einwandfrei“.

Dabei ist der Job auf der Plantage vor allem eins: Handarbeit. Die Pflege der Büsche die ganz ohne Pestizide und Fungizide auskommt. Das Schneiden der Blätter und die erste Vorkontrolle noch auf dem Feld. Das Einbringen in die Trockenkammern und zu guter Letzt das Sortieren des fertigen Tees. „Das macht uns keine Maschine“, das kann nur geschultes Personal“. Deshalb beschäftigt Madalena zur Saison rund 42 Mitarbeiter, die im Jahr etwa 40 Tonne Tee ernten und verarbeiten. Wenig davon geht in den Export, verkauft wird vor allem auf der Insel. Auch in der Fabrik. Dort hat die umtriebige Firmenchefin einen kleinen Verkaufs- und Verkostungsraum errichtet, wo sie einen kräftigen Orange-Pekoe, einen samtigen Oolong oder einen grasigen Grünen serviert. „Unser Tees sind wie die Landschaft aus der sie stammen““, philosophiert Madalena: Mal beruhigend wie das endlose Grün der Büsche, die sich an die hügelige Landschaft schmiegen. Mal kräftig, wie die schwarze Vulkanerde in denen sich die Wurzeln tief in den Grund bohren oder aufputschend, wie der Atlantik, dessen schäumende Brandung sich an der Felsküste bricht. Von der Terrasse des kleinen Teehauses hat man Felder, Landschaft und Meer im Blick. „Einen schöneren Ort für eine Teezeromine kann es nicht geben“.