Streng bewacht

Kostbares Gut: Die Jakobsmuscheln von Saint-Brieuc

Eine Szenerie wie bei einem Staatsbesuch: Am Himmel flattert aufgeregt ein Propellerflugzeug. Boote der Küstenwache kreuzen aufmerksam die See. An Land stehen Gendarmen mit Feldstecher – das Meer genauestens im Blick. Doch die konzertierte Aktion soll nicht den Präsidenten eines fremden Landes beim Besuch in Saint-Brieu schützen, sondern den Bestand der Jakobsmuscheln vor der Bucht im Westen der Bretagne. Die Männer und Frauen von der Gendarmerie beobachten während der Saison die örtlichen Fischer - und überwachen auf das Genaueste die Einhaltung der Fangquoten.
Saint-Brieu an der Cote d`Armor, ist Frankreichs größtes Jakobsmuschelrevier: Rund 41 000 Tonnen der Delikatesse – so die Schätzung der Meeresforscher - liegen auf dem Grund, gefischt werden dürfen dieses Jahr aber nur 4350 Tonnen.

„Andernfalls gefährden wir den Bestand“, erklärt Stéphane le Pichouron. Seit in den neunziger Jahren die Population des beliebten Weichtiers dramatisch zurückging, gibt es strenge Regeln für die aktuell 215 lizensierten Jakobsmuschelfischer von Saint-Brieuc: Neben der Fangmenge ist auch die Größe der Trawler beschränkt: Maximal 13 Meter dürfen sie sein. Das Schleppnetz, die Dredge, nicht breiter als zwei Meter. Zudem darf nur an zwei Tagen in der Woche gefischt werden - und das nur 45 Minuten.
„Nicht viel Zeit“, weiß der Mitarbeiter des Fischereikomitees des Départements Côtes d’Armor, „da muss jeder Handgriff sitzen, sonst wird’s nichts mit dem Geschäft“. Gefährlich sei die Hektik an Bord zudem auch, „Unfälle passieren immer wieder“, wie der 51-Jährige aus leidvoller Erfahrung weiß: Vor Jahren geriet sein Arm zwischen Zugseil und Metallrahmen der Dredge, wurde mehrfach gebrochen und Stéphane musste nach fast drei Dekaden auf See seinen Beruf aufgeben. Heute kontrolliert er für das Komitee die Einhaltung er Fangquoten. Die meisten seiner ehemaligen Kollegen halten sich an die Regeln, schließlich werden diese nicht von einer fernen Behörde in Paris oder Brüssel auferlegt.

„Es sind die Fischer selbst, die im Gespräch mit Wissenschaftler und Händlern jährlich die Bedingungen neu festlegen“, erklärt Audrey Thebault. Dennoch gebe es immer ein paar schwarze Schafe. „Erst vor ein paar Jahren wurde ein Ehepaar wegen illegaler Fischerei zu drei Jahren beziehungsweise 18 Monaten verurteilt“. Rund zwölf Tonnen Jakobsmuscheln über der Quote fand man bei ihnen. So etwas im Vorfeld zu verhindern, lässt sich der Fischereiverband einiges kosten: „Die Überwachung der Fangquoten verschlingt jährlich rund 750 000 Euro“, rechnet Audrey vor.
Ein Teil davon wird von den Fischern selbst aufgebracht. Nicht aus Tierschutzromantik, sondern wegen handfester wirtschaftlicher Interessen: In der vergangenen Saison holten die Trawler in der Bucht von Saint-Brieu Jakobsmuscheln im Wert von 14 Millionen Euro aus der See. Das ist knappes Viertel des Gesamtumsatzes der Fischereiwirtschaft der Region.

Audrey ist Umweltmanagerin im Paimpol. Und selbst Jakobsmuschelfischerin. Allerdings besitzt die 27-Jährige keinen Trawler. Sie betreibt Strandfischen - la peche-à-pied – eine uralte bretonische Tradition, ähnlich dem Jedermannsrecht in Skandinavien. Zieht sich das Meer bei Ebbe zurück und legt Felsen, Watt und Algen frei, dann machen sich ganze Familien auf: Bewaffnet mit Eimer und Rechen. Im Sommer barfuß, im Winter mit Gummistiefel. Auf der Suche nach Austern, Jakobs- oder Venusmuscheln, Krebsen und Langusten.
„Jeder kann sammeln, aber nur für den Eigenbedarf“, mahnt Audrey. Und wie bei den professionellen Fischern, gibt es auch für die Strandsammler strenge Regeln. Manche Abschnitte an der 1200 Kilometer langen Küste der Bretagne sind vom Strandfischen ausgenommen. Und manchmal setzt die IFREMER, das staatliche Meeresforschungsinstitut, bestimmte Arten auf eine Schutzliste. „Dann heißt es Finger weg“. Auch Fangmengen und -zeiten seien einzuhalten. So dürfen pro Person höchstens 30 Jakobsmuscheln gesammelt werden.

„Auch gibt es Mindestgrößen unter denen die Meeresfrüchte tabu sind“: Miesmuscheln müssen mindestens vier Zentimeter groß sein, eine Jakobsmuschel gar zehn – genauso wie die seltene Schwertmuschel. Die zu fangen braucht es einiges Geschick. Audrey weiß, wie es geht: Aufmerksam sucht sie den Schlick nach kleinen Löchern ab. An denen mit einem Krater aus Sand geht sie vorbei. „Das sind Würmer“, wie die erfahrene Sammlerin weiß. Jene mit akkuratem, sauberen Rand - wie mit der Bohrmaschine in Beton – bleibt sie steht und streut eine Priese Salz hinein. War es ein Versteck der schmackhaften Muschel, reckt diese sich nach kurzer Zeit aus dem Schlamm. „Dann musst du zupacken“.
Auch Austern findet die erfahrene Meeresbiologin: „Die verstecken sich meist unter den Algen, wo sie vor ihren Fressfeinden – Seestern und Königsdorade – sicher sind“. Und natürlich Jakobsmuscheln. Vor ein paar Tagen erst hat sie an der Ill de Saint-Quay-Portrieux ihr Körbchen gefüllt, wo genau, verrät sie nicht. Das sei ein Familiengeheimnis, erklärt Audrey bestimmt. „Und die hüten wir Bretonen mindestens so entschlossen, wie die Einhaltung der Fangquoten“.