Die Marken

Jeder Hügel eine Stadt. Jede Stadt eine Schönheit

Francesco Trasatti ist stolz auf seine Gemeinde. Seit März 2017 trägt Torre di Palme - auf einem Hügel 140 Meter über der Adria gelegen - die begehrte Auszeichnung Schönstes Dorf Italiens. „Und das völlig zu Recht“, wie der Kulturstadtrat meint: Denn der schon im sechsten Jahrhundert vor Christus gegründete Weiler erfüllt die Kriterien des Clubs I Borghi piu Belli d`Italia spielend: Ein gut erhaltenes Ensembles von mittelalterlichen Häusern, Straßen und Plätzen – geschmückt mit Blumen und Palmen. Eine intakte Festungsmauer von der man eine grandiose Aussicht auf die nahe Küste und die umliegenden Hügel und Täler genießt. Paläste und Kirchen aus der Renaissance wie die Chiesa San Agostino mit dem Polyptychon von Vittore Crivelli.

Die engen Gassen sind weitestgehend autofrei und dienen als Bühne für mittelalterliche Schaukämpfe oder Tänze. „Vergangenen April haben wir zudem das Archäologische Museum eröffnet – untergebracht in einer ehemaligen Schule“, so Trasatti weiter.
Jetzt könne man die einzigartigen Fundstücke aus vorrömischer Zeit – Bernstein, Juwelen und zwei reich geschmückte Armreife - die bei Bauarbeiten 2016 in der Nähe gefunden wurden, würdig präsentieren.

Torre di Palme ist bei weitem aber nicht die einzige Gemeinde der Marken im illustren Club der schönen Dörfer. Die vom Tourismus noch weitgehend verschonte Region - im vergangenen Jahr besuchten ganze 64 000 der rund 1,2 Millionen bundesdeutschen Italienurlauber die Marken - zählt 27 solcher Orte. Mehr als jede andere Ferienregion in Italien.
Schon vor den Römern gründeten Picener zwischen in den fruchtbaren Tälern zwischen Apennin und Adria Städte und trieben gewinnbringenden Handel. Roms altgediente Legionäre erhielten kleine Parzellen auf denen sie Dinkel anbauten oder Hülsenfrüchte pflanzten, Schweine und Hühner züchteten. Anders als in Sizilien oder Apulien, wo extensive Landwirtschaft betrieben wird, prägt diese Kleinteiligkeit und Zersiedelung der Landschaft das Bild der Marken.

Offida gehört dazu: Auch dieses Städtchen thront in luftiger Höhe in einer strategisch günstigen Lage und ist von trutzigen Festungsmauern umgeben: Die Marken waren jahrhundertlang Grenzgebiet und ihre Städte mussten sich gegen Angriffe kaiserlicher Truppen des Heiligen Römischen Reiches oder sarazenischer Piraten erwehren. Die kleine Gemeinde ist bekannt für ihre Klöppelkunst, kein Haushalt, in dem nicht geschickte, meist weibliche Hände wahre Kunstwerke aus dünnen Baumwoll- oder Seidenfäden klöppeln.
Noch heute sieht man in den engen Gassen ältere Damen, die auf einem Schemel sitzend, klöppeln. Die Spitzen schmückten Jahrhunderte lang Bischöfe und Altäre, wie man im Klöppelmuseum des Ortes sehen kann. Ausgestellt sind dort aber auch weniger züchtige Arbeiten, wie das hauchdünne Nichts, das Naomi Campbell 1997 auf der Londoner Modeschau trug. Montecosaro ist eine weiteres Mitglied der Borghi Piu Belli, es besitzt eine sehenswerte Basilika aus dem frühen 12. Jahrhundert. Auch San Ginesio mit dem prächtigen, ganz aus Ziegel errichteten Glockenturm auf der Piazza Alberico Gentili schmückt sich mit dem begehrten Titel.

Die Hügel und Berge sind aber nicht nur Schauplatz einer Jahrhunderte alten Stadtkultur. Auch aus kulinarischer Sicht ist die Region interessant. Fisch kommt von der 180 Kilometer langen Adriaküste frisch auf den Tisch: Sardinen, Kraken oder Drachenköpfe. Venusmuscheln, Meeresdatteln oder Mosciolo, eine nur hier vorkommende, besonders schmackhafte Miesmuschel-Art. Bekannt über die Landesgrenzen hinaus ist der Brodetto nach Ancona-Art, ein sämige Fischsuppe aus 13 verschiedenen Fischsorten.
Auch für ihren Käse - den Pecorino in Fossa (er lagert in einer Grube aus Tuffstein) oder den Cagiolo (ein Mittelding zwischen Hartkäse und festen Ricotta) - sind die Marken berühmt. Und Schinken und Wurst – allen voran Fegatino, eine schmackhafte Leber-Salami.

Ihr Premiumprodukt sei aber der Trüffel, „der keinen Vergleich zu scheuen braucht mit dem aus Piemont oder dem Perigord“, erklärt Paolo Ciccioli. „Bei uns gedeiht nicht nur der Scorzone, der Sommer-Trüffel, sondern auch der wertvollere, schwarze Muscato und sogar der weiße Tuber melanosporum“. Vor 20 Jahren pflanzte der Bauer aus Force - einer kleinen Berggemeinde in Ascoli Piceno - Eichenwälder und impfte sie mit Pilzbrut.
Rund 500 Bäume zählt sein Hain heute; fast täglich ist er mit seinen drei Cocker-Spaniel hier auf Trüffeljagd. Und eine Jagd ist es wahrlich, aber anders als man glaubt: Auf dem steilen abschüssigen Gelände hat Paolo alle Mühe seinen Hunden hinterher zu kommen. Vor allem die 14-Monate alte Cocker Spaniel–Dame Elektra „ist eine ganz Wilde“. Kaum hat der Hund eine Trüffel geschnuppert – „gut ausgebildete Tiere nehmen den Duft eines Trüffels noch in einem Metern Tiefe war“ – stobt er schon davon -und Paolo jagt ihm hinterher.

„Die Tiere lieben Trüffel, wie wir Menschen“, weiß der erfahrene Hundebesitzer. „Bin ich nicht schnell genug, hat Elektra den kostbarsten Pilz aus der Erde gegraben und - ratz fatz – verspeist“. Meistens gelingt es dem 49-Jährigen aber den Fund gegen ein Stück Hundekuchen einzutauschen. Dann landet das Gold der Marken in der Küche des liebevoll restaurierten historischen Anwesens Ramuse, wo Maria für die Gäste des Landhauses (vier Schlafzimmer stehen in dem agrotouristischen Betrieb zur Verfügung) ihre legendären Tagliatelle mit Trüffel serviert. Und was nicht selbst konsumiert wird, liefert Paolo an die vielen hervorragenden Restaurants der näheren Umgebung. Beispielsweise in das Lu Fucaro in Torre di Palme, wo regionale und saisonale Spezialitäten serviert werden. Bei schönem Wetter auf einer Terrasse mit Traumblick auf die Adria. In einem der schönsten Dörfer Italiens .